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Pastor Christof Vetter bei der Mahnwache anlässlich 35 Jahre reaktorunglück in Tschernobyl:

 

Mahnwache heißt: still werden.
Still werden in einer Zeit,
die heute so anders ist als vor 35 Jahren,
die corona-bedingt anders ist,
die trotz allem laut ist.
Sich erinnern, daran denken,
während die Gedanken gefangen sind,
in anderen Nöten, Ängsten und Sorgen
als die damals.

Mahnwache heißt erinnern,
erinnern, dass damals nicht Inzidienzzahlen,
sondern Becquerel-Werte das Denken beherrscht haben.
Zahlen sind beides,
Ziffern, leicht ausgesprochen
und doch so schwer zu begreifen.

Ob die Inzidenzzahlen heute,
oder die Becquerel-Werte damals:
es geht um Menschen,
es geht um unser Leben,
um das Leben unserer Kinder und Enkel.
Muss genau zu sagen:    
es geht um Leben und Tod.

Der fünfjährige Junge sitzt traurig
auf der Bank vor dem Haus seiner Eltern.
Niedergeschlagen.
In sich versunken.
Er schaut nur kurz auf,
als sein Patenonkel die Straße herunter kommt.
„Hey, Junge, was ist los.“
Seine Antwort kommt leise:
„Mama hat gesagt,
ich darf nicht im Sandkasten spielen.“
Kurz flackert Hoffnung in seinen Augen auf:
Der Patenonkel wird’s schon richten.

Der Patenonkel kann gar nichts richten.
Dieses Mal nicht.
Aber wie erkläre ich einem Fünfjährigen,
was Atome sind,
was Becquerel-Werte zu bedeuten haben
und dass der Regen der letzten Tage uns etwas gebracht hat,
was wir nicht haben wollten,
direkt aus der Ukraine,
bis zu uns nach Tübingen.

Ich erinnere mich,
dass seine Mutter mit uns beiden
noch lange auf jener Bank gesessen ist,
vor dem Haus meiner Freunde,
am Stadtrand von Tübingen.
Wir haben darüber gesprochen,
dass solche verseuchten Atome in der Luft
nicht zu sehen,
nicht zu riechen,
und doch richtig gefährlich sind,
lebensgefährlich.

Ein Nachbar kommt vorbei.
Eine Generation älter als wir.
Der Fünfjährige,
der meint, nun begriffen zu haben,
was nicht zu begreifen ist,
baut sich vor dem Nachbarn auf,
den er sehr schätzte
und mit dem er öfters spricht,
so von Mann zu Mann.
Der Junge erklärt dem Betagten,
wie gefährlich das alles sei:
Der Sandkasten sei vergiftet,
und ob man das Gemüse aus dem Garten
noch essen könne, 
wisse die Mama noch nicht.
Vielleicht muss man alles wegwerfen!
Eigentlich sei die Luft vergiftet.

Die Erinnerung an die beiden Gespräche,
irgendwann Anfang Mai 1986
zu dritt, zu viert,
über Generationen hinweg,
habe ich 35 Jahre nicht vergessen.
Diese Gespräche,
zuerst auf einer Bank,
am Stadtrand von Tübingen,
dann in der Küche am Esstisch,
sind mir mahnend in Erinnerung geblieben,
die Stimme, die Worte meines Patensohns,
dass vielleicht alles vergiftet ist.

Manches aus jener Zeit habe ich vergessen,
auch manches, was ich damals im Studium gelernt habe,
eines nicht:
Der Gedanke, der mir in diesen Gesprächen,
an jenem Nachmittag gekommen ist:

Es kann nicht Gottes Willen sein,
dass wir Menschen die Zukunft unserer Kinder
aufs Spiel setzen.

Es kann nicht unser Wille sein,
dass wir die Zukunft nachfolgender Generationen
aufs Spiel setzen.

Heute,
35 Jahre später,
ist nicht zu begreifen und nicht zu verstehen,
warum damals,
1986 nicht umgehend
und so schnell als möglich,
politisch beschlossen wurde,
diesem Wahnsinn ein Ende zu machen.

Heute,
35 Jahre später,
ist nicht zu begreifen und nicht zu verstehen,
warum die politisch Verantwortlichen,
zwar davon geredet haben,
dass Energiegewinnung aus Atomkraft
ein Ende haben muss,
nur eine Übergangslösung sei,
und doch nichts dafür getan wurde,
die Atomkraftwerke abzuschalten.

Heute,
35 Jahre später,
ist es nicht zu ergreifen und nicht zu verstehen,
warum wir damals nicht
noch energischer, noch fordernder,
noch lautstarker auf die straße gegangen sind,
um dem atomaren Wahnsinn ein Ende zu bereiten.

Heute,
35 Jahre später,
ist es nicht zu begreifen und nicht zu verstehen,
warum es einen zweiten Unfall in einem Kernkraftwerk
von ähnlicher Dimension brauchte,
dass zumindest in Deutschland,
der Ausstieg in Angriff genommen wurde. 

Heute,
ganz aktuell,
ist es nicht zu begreifen und nicht zu verstehen,
dass immer wieder argumentiert wird,
Kernkraft sei zur Energiegewinnung sauberer
als andere Methoden der Energiegewinnung.
Es kann nicht sein,
es darf nicht sein,
dass mit dem Argument,
um aktuell der Klimakatastrophe zu wehren,
den CO2-Ausstoß zu verringern,
Müll, Atommüll produziert wird,
der über Generationen nicht beherrscht werden kann.

Heute,
ganz aktuell,
sind wir alle herausgefordert,
alles, dafür zu tun,
dass wir Menschen,
und dass unsere Kinder und Enkelkinder,
auch die, die noch nicht geboren sind,
eine lebenswerte Umwelt vorfinden.
Das heißt,
wir versuchen politisch, wissenschaftlich begründet,
mit unserem persönlichen Verhalten,
der Klimakatastrophe uns entgegenzustellen
und keinen atomaren Müll mehr zu produzieren,
der Leben und Gesundheit noch eine für uns
nicht überschaubare Zeit gefährdet.

Bei all den Wünschen und Hoffnungen,
die in unseren Herzen und in unseren Gedanken,
gibt es doch nur eines,
was wir alle wollen:
Wir wollen leben.